Es ist schon eine Weile her, dass ich ihn kennengelernt habe. Wir treffen uns bis heute immer wieder. Für lange Gespräche über das Leben, über die Kunst, über das, was wir glauben. Und bevor er etwas sagt, wird es still. Man hört ihn atmen. Er geht in sich. Als bräuchten die Gedanken zuerst Stille. Raum, um tief zu werden. Bevor sie Worte bekommen.
…
„Jetzt sehen wir die Dinge noch unvollkommen, wie in einem trüben Spiegel, dann aber werden wir alles in völliger Klarheit erkennen.“
1. Korinther 13,12Dieser Vers kam mir in den Sinn, als ich an ihn dachte. Zuerst wusste ich nicht, warum.
Vielleicht, weil so vieles im Leben lange unscharf bleibt. Wir spüren etwas, bevor wir es verstehen. Wir tragen Gedanken in uns, für die uns noch die Worte fehlen, wie ein Bild hinter beschlagenem Glas. Wir wissen, dass da etwas ist, aber wir können seine Konturen noch nicht erkennen.
Und manchmal begegnet uns ein Mensch, der Worte dafür findet. Oder eine Melodie, eine Zeile, ein Werk. Etwas, das dem Unsichtbaren eine Form gibt und dem Unausgesprochenen eine Sprache. Und plötzlich wird etwas greifbar, das vorher nur eine Ahnung war.
Nicht unbedingt, weil etwas Neues dazugekommen ist, sondern weil jemand Leben in etwas gehaucht hat, das längst da war.
Das ist etwas, was seine Kunst für mich tut. Sie gibt Dingen eine Gestalt, die ich vorher vielleicht nur gespürt habe. Sie bringt Dinge an die Oberfläche.
Und vielleicht liegt genau darin ihre Klarheit. Nicht darin, alles zu erklären, sondern etwas so wahr werden zu lassen, dass man ihm begegnen kann.
Deshalb schreibe ich über ihn: weil durch das, was er geschaffen hat, etwas in meinem eigenen Leben klarer geworden ist. Weil seine Kunst mir Worte, Bilder und Klänge für Dinge gegeben hat, die ich vorher nur erahnen konnte. Und weil er damit so viel Schönheit und Klarheit in mein Leben gebracht hat.
Am Anfang
… gab es nicht den einen Moment, der eine Richtung vorgab. Für Moses waren es viele. „Unzählige Momente, unzählige Entscheidungen, oft unbewusste“, sagt er. An viele erinnert er sich nicht mehr. Aber er ist sicher, dass jede von ihnen ihre Wirkung hatte. Was ihm erspart blieb und was verwehrt, sei von hier aus kaum zu sagen.
Mir kommt dabei das Bild von Wasser in den Sinn, das sich seinen Weg durch den Stein sucht. Den einzelnen Tropfen sieht man nicht. Nur irgendwann die Form, die entstanden ist.
Er erinnert sich an sein erstes Album, „Raining Rhymes“. Er hatte sich um nichts gekümmert als um seine Texte, und er war, wie er sagt, „fürchterlich unglücklich“ damit. Aus diesem Unglück wuchs eine Entscheidung: Verantwortung zu übernehmen. Ohne sie, sagt Moses, gäbe es 3p nicht, sein Label Pelham Power Productions1. Und nichts von dem, was danach kam.
Ich glaube, manchmal beginnt das Neue genau dort, wo etwas nicht gelingt.
Verantwortung
Mit dem Ernstnehmen dieser Verantwortung ist etwas Neues entstanden. Als er davon erzählt, wird deutlich, dass „übernehmen“ eigentlich der falsche Begriff ist. „Diese Verantwortung hatte ich ja ohnehin, ich war ihr nur bisher nicht nachgekommen.“ Jetzt wusste er, dass er ihr gerecht werden muss, wenn es besser werden soll. Wieder eine Entscheidung, die Wirkung auf sein Leben hatte.
So erlebe ich ihn. Er nimmt ein Wort, wendet es, prüft es. Bis es stimmt. Vielleicht ist das die Stille, die ich so oft bei ihm erlebe, bevor er spricht. Kein Zögern. Sondern Sorgfalt. Ein Ringen darum, dass ein Wort trägt.
Wurzeln
Wer wissen will, woher diese Prägung kommt, muss zu den Wurzeln gehen.
Sein Vater war Musiker. Er stammte aus einer jüdisch-christlichen Tradition. Und das, sagt Moses, hat ihn sehr geprägt. „Mir wurde von klein auf vorgelebt, dass es das normalste der Welt ist, mit Gott zu sprechen und den Versuch zu unternehmen, ein Lied zu schreiben.“
Das Normalste der Welt.
Mit Gott sprechen. Ein Lied schreiben. Genau das ist es, was mich an Moses so berührt. Für mich ist beides derselbe Versuch: dem eine Stimme zu geben, was einem ins Herz gelegt wurde. Und vielleicht wird hier auch klar, woher seine Inspiration kommt.
„Wer singt, betet doppelt.“2
Augustinus zugeschriebenWenn Singen doppelt beten ist, was ist dann Rap? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber ich habe so eine Ahnung, dass Augustinus seine Freude daran gehabt hätte.
Spuren im Sand
Als es um die schweren Zeiten geht, sagt Moses: „Irgendwas empfinden wir doch immer als schwer, getragen hat mich stets der Herr.“ Und dann fragt er mich, ob ich das kurze Gedicht „Spuren im Sand“3 kenne. Dass ihm dazu ein Gedicht einfällt, wundert mich nicht. Er ist ja selbst ein Poet.
Ich kenne es. Ein Mensch geht mit Gott am Strand entlang, und dabei ziehen Bilder aus seinem Leben an ihm vorbei. Meist sieht er zwei Spuren im Sand, seine und die von Gott. Doch an den schwersten Stellen ist nur eine zu sehen. Warum, fragt er, hast du mich gerade dort allein gelassen? Und Gott antwortet:
„Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.“
Aus „Spuren im Sand“Faszination
Moses ist fasziniert von Kunst. Er mache dauernd etwas anderes, erzählt er, und rutsche von einer Sache in die nächste. Eher merke er irgendwann, wenn etwas nicht das Richtige für ihn ist. Dass er sich mit Kunst beschäftigen möchte, weiß er, seit er zwölf oder dreizehn ist. „Ich folge der Faszination.“
Von einer Sache in die nächste. Ich kenne Moses’ Talente, weil er sie mit uns allen teilt. Und ich glaube, jedes davon würde ein eigenes Portrait füllen.
Wenn etwas entsteht, ist es für ihn „immer wieder ein Geschenk, ein Wunder“. Er wird überrascht von Freude, Dankbarkeit, Staunen.
Er glaubt, dass sich die Empfindung ihren Weg bahnt. Wie, das weiß er nicht. Wüsste er es, sagt er, wäre er wahrscheinlich nicht so fasziniert davon. Und würde nicht noch immer dem nachgehen, was er im Grunde schon als Teenager tat.
Darin steckt für mich viel Schönheit. Es hat etwas Kindliches, der Neugier nachzugehen. Im Grunde tut er dasselbe wie damals. Nur dass heute ein Erwachsener es tut. Vielleicht ist Staunen die ehrlichste Art, auf die Welt zu schauen. Und auf den, der sie gemacht hat.
Verletzlichkeit
Wer staunt, ist offen. Und wer offen ist, macht sich verletzlich.
Sich in seiner Kunst verletzlich zu zeigen? „Ganz wunderbar“, sagt Moses. Er glaubt, dass diese Verletzlichkeit ohnehin nur die bemerken, die sie von sich selbst kennen.
Dieser Gedanke ist mir nachgegangen. Vielleicht erreicht seine Kunst deshalb manche so tief. Sie begegnet einem dort, wo man selbst offen ist.
Ich erinnere mich an einen Abend, an dem Moses mir eines seiner neuen Lieder vorspielte. Ich war so fasziniert, dass ich ihn fragte, wie so etwas entstehen kann. Er sagte nur:
„Ich lass es einfach bluten.“
Moses Pelham, über das Entstehen seiner LiederUnd wenn seine Musik ganz verschwinden würde und nur ein einziger Satz von ihm bliebe? Das sei einfach, sagt er. Darüber habe er lange nachgedacht.
„Vergiss nicht, wie sehr wir Dich lieben.“
Moses Pelham, über den einen Satz, der bleiben sollDas gute Leben
Ein gutes Leben in einem Wort? „Dankbarkeit“, sagt Moses. „Die Dankbaren sind glücklich, glaube ich.“
Und was es wirklich braucht zum Leben, sei vor allem Liebe. „Und hier schließt sich der Kreis“, sagt er, und denkt an den Brief an die Korinther, Kapitel 13, Vers 13.
Wie es der „Zufall“ will, ist es genau der Vers, der auf den folgt, mit dem ich dieses Portrait begonnen habe.
„Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei bleiben. Aber am größten ist die Liebe.“
1. Korinther 13,13Vision
So verwundert es kaum, dass er sich für die Zukunft vor allem eines wünscht: Liebe. So viel Liebe …
Nachwort
Am Ende …
… ist es klarer.
Und es ist gut, weil es Liebe ist.
Danke, Moses. Für die Stille vor deinen Worten. Und für die Worte danach.