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„Ein ungeteiltes Leben“

Monika Gartner ist Chemieingenieurin, leitet die digitale Transformation eines Pharmaunternehmens, fährt Rennrad, fährt ins Kloster, macht Alpenüberquerungen. Darüber hinaus ist sie für viele Menschen eine geistliche Mutter. Alle nennen sie Moni. Ein Portrait über ein Leben, das sich nicht in Bereiche teilen lässt.

Portrait · Nurten Yurbas
Monika Gartner

Moni steht in einer anderen, etwas weiter fortgeschrittenen Phase ihres Lebens als ich — und ich profitiere sehr davon. Aber nicht jeder, der in dieser Phase des Lebens steht, besitzt automatisch diese Weisheit, die sie hat. Ja, sie ist dieses Jahr sechzig geworden. Ich hoffe, sie nimmt dieses Portrait als kleines Geschenk.

Sie war und ist für mich eine Art grosse Schwester, eine geistliche Mutter, die in den schwersten Zeiten meines Lebens ganz selbstverständlich an meiner Seite stand und es bis heute tut. Einer der treuesten Menschen, die mir begegnet sind.

Manchmal beobachte ich sie, wie sie sich ein Sandwich zubereitet, kocht, oder wie sie mit ihren Pflanzen umgeht. Die Hingabe und die Originalität, mit der sie das tut — das ist Kunst. Jede Kleinigkeit, die sie macht, trägt diese Hingabe in sich.

Ihre Weisheit kann ich mir nur so erklären: Mit den Erfahrungen, die sie gemacht hat, und mit dem, woran sie festhält — ihrem Glauben —, hat sie diese Weisheit wohl eher empfangen.

Wenn es einen Himmel gibt, und ich glaube, dass es ihn gibt, dann wünsche ich mir, dort in ihrer Nähe zu wohnen.

Moni kennt mich, seit ich sechzehn oder siebzehn war. Sie weiss noch heute genau, wie sie mich damals gesehen hat — auf der Treppe sitzend.

Das ist keine Ausnahme. Sie interessiert sich für Menschen, und mehr als das: Sie sieht sie.

Am Anfang

…stand viel Arbeit. Im Haus, auf dem Feld. Wer in jungen Jahren viel zugetraut bekommt, wird entweder ausdauernd oder erschöpft. Sie selbst nennt es ein Leben zwischen Herausforderung und Überforderung.

Bei einem Menschen, der allein lebt und keine Kinder hat, fragen sich manche: Und die Liebe? Es gab sie, eine Geschichte aus Teenagerjahren, mit allen guten Voraussetzungen. Sie ist auseinandergegangen.

Was blieb, entspricht keinem gesellschaftlichen Bild — und ist doch unübersehbar.

Und dann ist da dieses Phänomen, das selten ist: ein Mensch, der nicht altert. Eine kindliche Frische, ganz nah an der Gegenwart, und trotzdem weise. Vielleicht ist es der Hunger nach dem Leben, der nie ganz gestillt wird?

Wurzeln

Wie es das Leben wollte, ging sie auf ein christliches Festival — damals üblich, ich bin nicht sicher, ob es das heute noch in dieser Form gibt. Dort traf sie die Entscheidung, mit Gott zu leben. Eine Herzensentscheidung, mitten in der Studienzeit.

Verantwortung zu übernehmen hatte sie früh gelernt. Also war es nur folgerichtig, dass ihre erste christliche Gemeinschaft in ihrer Studentenbude entstand. Moni zieht Menschen an. Vielleicht, weil bei ihr immer die Beziehung zuerst kommt.

Das Leben ist voll von Tälern und Gipfeln. Etwa im vierten Semester kam die „dark night of the soul“.1 Sie erzählt von Gebeten in dieser Zeit — Gebeten, die tiefe Wurzeln bilden. Im Nachhinein ist sie daran gewachsen. Die Wurzeln wurden fester.

„Die auf den HERRN harren, bekommen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Jesaja 40,31

Man muss Moni nur einmal beim Laufen zusehen, um zu verstehen, warum genau dieser Satz.

Transformation

Seit dreissig Jahren arbeitet Moni in einem Pharmaunternehmen im Schwarzwald, wo sie auch lebt. Ich besuche sie ab und zu. Ihre Position ist keine kleine; derzeit leitet sie die digitale Transformation.

Zuerst dachte sie, das passe überhaupt nicht zu ihr. Sie ist Chemieingenieurin und hatte viel mit Projektmanagement zu tun. Aber Transformation ist genau das, worum es in ihrem Leben geht.

Und wer sonst mag die Unterschiedlichkeit der Menschen so sehr? Den einzelnen sehen, auch in der Gruppe — das ist ihre Stärke. Professionell zu bleiben, auch wenn es eine persönliche Ebene gibt, ist anspruchsvoll. Moni kann das. Bei der Arbeit dieselbe wie zuhause. Keine Unterschiede.

„Ich bin eine Frau, die damit rechnet, dass GOTT sich für alles interessiert — ob es um Bugs in Software-Projekten geht, um Konflikte zwischen Menschen oder um Alpenüberquerungen zu Fuss oder mit dem Mountainbike. Von daher gibt es eigentlich nur DAS EINE LEBEN.“

Moni

Es gibt eine alte Formel dafür, tausendfünfhundert Jahre alt: ora et labora. Bete und arbeite. Gemeint war nie ein Wechsel zwischen zwei Zuständen, nicht erst das eine und dann als Ausgleich das andere. Gemeint war ein einziger Rhythmus, in dem beides zur gleichen Sache gehört.

Moni würde sich dieses Wort nicht selbst anheften. Sie lebt nicht im Kloster, sondern in einem Unternehmen, in einem Projektplan, in einem Haus, in dem sie ihre eigene Wohnung hat und trotzdem nie ganz allein ist. Aber sie tut genau das. Der Vers, der ihr Kraft gibt, und das Meeting am Montagmorgen liegen bei ihr nicht in verschiedenen Schubladen.

Stille

Und doch wäre es zu einfach, bei der Arbeit stehen zu bleiben. Das ora ist bei Moni nicht nur eine Haltung, die alles Übrige durchzieht. Es ist auch ein eigener Ort.

Bei einem so aktiven Leben — Rennrad, Projekte, Tanzen, Berge, eine Hausgemeinschaft — könnte man meinen, die Ruhe komme irgendwann von selbst. Aus Erschöpfung. Sie sucht sie. Bewusst.

Ins Kloster fährt sie nämlich doch. Nicht wegen der Mauern und nicht wegen der Ordnung, sondern um Zeit mit dem Schöpfer zu verbringen. Ein paar Tage, an denen nichts anderes dazwischenkommt.

Und es gibt den kleineren Ort, den sie täglich hat: ihre Terrasse, ihre Pflanzen. Dieselben, bei denen ich ihr so gern zusehe. Nichts davon lässt sich beschleunigen. Man kann eine Pflanze nicht schneller wachsen lassen, indem man sich mehr Mühe gibt. Man kann nur da sein, wenn es passiert.

Dort erwartet sie etwas. Nicht Pflicht, nicht Routine — Erleben. Das ist, glaube ich, der Unterschied. Moni betet nicht, um etwas richtig zu machen. Sie betet, weil sie mit einer Antwort rechnet.

Und sie ist eine Beterin. Nicht jemand, der betet, wenn nichts anderes mehr hilft, sondern jemand, der alles dorthin bringt: die Projekte, die Konflikte, die Menschen, die ihr erzählen, was sie tragen.

Für den, zu dem sie es bringt, ist nichts unmöglich. Sie sagt es nicht so. Sie zitiert einen Psalm, immer wieder denselben.

„Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem HERRN, vor dem Herrscher der ganzen Erde.“

Psalm 97,5

Berge. Nicht umgehen, nicht besteigen, nicht wegtragen — schmelzen. Und das nicht, weil jemand sich genug angestrengt hätte. Sie zerschmelzen vor dem HERRN, nicht vor unserer Leistung.

Das ist der Punkt, auf den es ihr ankommt. Sie bringt etwas hin. Zustande bringt sie es nicht selbst. Wer das glaubt, muss nicht alles allein tragen — und kann trotzdem mit allem rechnen.

Vielleicht erklärt das die Ausdauer. Wer nur arbeitet, wird irgendwann matt. Von denen, die harren, heisst es, sie werden es nicht.

Augenhöhe

Moni wohnt in einem Haus, in ihrer eigenen Wohnung. Unter ihr eine junge Familie mit vier Kindern. Beides gleichzeitig: ein eigener Raum, und doch eine Art Gemeinschaft. Sie kommen und gehen, wie sie wollen.

Wenn wir keine Zeit für drei Stunden Telefon haben, kommen kurze Einblicke per WhatsApp. Ich erinnere mich an ihre Begeisterung, als sie mit der Jungsbande von unten unterwegs war und mit ihnen „Abenteuerland“ gesungen hat.2 Die Kinder sind ihre Freunde, und sie schätzt sich reich.

Es gibt noch eine andere Seite. Flüchtlingslager im Nahen Osten, zahnärztliche Hilfseinsätze — nicht einmal, sondern regelmässig, über Jahre hinweg. Sie erzählt von Frauen, die alle sechzig sind — weil es dort kein Alter gibt.

„Auch die nach aussen bedürftigsten Menschen können und dürfen meine Mentoren sein.“

Moni

Das finde ich bemerkenswert. Viele Menschen haben keine Kapazität, für andere da zu sein. Moni tut es mit ihrer ganzen Leidenschaft.

Vier L

Vor kurzem hat Moni etwas von einem Hundertjährigen gelernt. Vier Wörter, alle mit demselben Buchstaben. Sie hat sie übernommen und tanzt seither mit ihnen durchs Leben. Sie sind ihre Aus-Richtung für das Unbekannte, das noch kommt.

Man kann darüber lächeln, wie einfach das klingt. Aber jemand, der hundert Jahre alt geworden ist, hat es nicht als Merkspruch gemeint, sondern als Ergebnis. Und Moni ist der Mensch, der so etwas nicht nett findet, sondern mitnimmt.

Sie ist voller Dankbarkeit. Moni hat Menschen kennengelernt, deren Leben wirklich schwer und ungerecht ist. Ihr eigenes nennt sie soo gut. Und sie lebt im Moment, so vollständig es geht: Jede Begegnung ist wertvoll — mit den Kindern aus der Hausfamilie, zwischen eineinhalb und sieben, oder im Austausch mit einer Kollegin über Führungsthemen. Ermutigend sein, das Gute sehen. Dann wird das Unmögliche möglich.

Damit bin ich wieder bei der Hingabe im Kleinen, die ich am Anfang erwähnt habe. Ich glaube nicht, dass das eine Technik ist, die man sich antrainiert. Es ist eine Gabe — etwas, das sie nicht in sich selbst herstellt, sondern das durch sie hindurchgeht.

Man erkennt es daran, dass sie nicht nur Freude hat, sondern Freude ausstrahlt. Das erste ginge auch allein. Das zweite nicht: Ausstrahlen kann nur, wer etwas empfängt. Wie der Mond. Er leuchtet nicht aus sich selbst — er wird angestrahlt, und dann gibt er Licht in eine Nacht, die sonst keines hätte.

Und es fängt unten an. Wer sich nicht an einer Blüte freuen kann, die aufgeht, oder an einem Satz von einem Vierjährigen, hätte nichts, was er weitergeben könnte. Wer es kann, braucht nicht viel, damit ein Tag gelingt — und wer es nicht kann, dem reicht auch das Grosse nicht.

Vielleicht gehört darum beides bei ihr zusammen: die Stille, in der sie empfängt, und die Freude, die von ihr ausgeht.

Nachwort

Moni ist mit den Jahren weiter geworden.

Was mich an ihr berührt, ist nicht die Summe ihrer Stationen — die Arbeit im Feld, die Studentenbude, das Unternehmen, die Lager im Nahen Osten. Es ist, dass in all dem dieselbe Person geblieben ist. Eine, die rechnet. Mit Gott, mit Menschen, mit dem Guten. Eine, die Hoffnung gibt in dunkler Stunde, weil sie selbst durch dunkle Stunden gegangen ist. Und wo sie es nicht ist, trägt sie eine grosse Gabe der Empathie.

Das labora war bei ihr zuerst da, lange bevor sie danach gefragt wurde. Das ora kam später dazu, als Entscheidung. Und irgendwann liess sich nicht mehr sagen, wo das eine aufhört.

Ich glaube, das ist es, was man bei ihr spürt, noch vor allem Einzelnen: die Ungeteiltheit. Kein Bereich, in dem andere Regeln gelten. Keine Version für die Arbeit und eine fürs Private. Es gibt nur das eine Leben — und sie lebt es ganz.

Nurten Yurbas

Autorin und Herausgeberin, kalós

1 Die „dunkle Nacht der Seele“ geht auf den Mystiker Johannes vom Kreuz zurück und beschreibt eine Zeit tiefer spiritueller Krise und innerer Läuterung, die zu Wachstum und einer tieferen Gottesbeziehung führen kann. zurück

2 „Abenteuerland“ ist ein Lied der deutschen Band PUR aus dem Jahr 1995. zurück