Manifest — Warum kalós DE · EN

Warum ich Menschen porträtiere

Wer bin ich? Woher komme ich, wohin gehe ich? Vielleicht beginnt jede Frage nach einem guten Leben genau hier — nicht bei dem, was wir tun, sondern bei dem, wer wir sind, und bei den Menschen, die uns dabei begegnen. Nicht Aufgaben, die irgendwohin führen sollen, sondern die stille Arbeit, sich selbst zu sehen, und das, was aus der Tiefe kommt, langsam an die Oberfläche zu tragen. Was ein gutes Leben ist, dafür gibt es so viele Antworten, wie es Menschen gibt. Es muss nicht sehr gut sein. Und was mich dabei am meisten bewegt, ist es, manchen Menschen begegnen zu dürfen, bei denen genau dieses gute Leben sichtbar und spürbar wird.

Manifest · Nurten Yurbas

Ich glaube, jeder von uns kann über das gute Leben erzählen. Jeder trägt eine eigene Geschichte davon in sich — das hoffe ich zumindest.

Ich hatte das Privileg, viele schöne Menschen kennenzulernen — und sie als solche zu erkennen. Das ist ein Reichtum, den ich nicht für mich behalten möchte. Ich möchte ihn teilen.

C. S. Lewis hat einmal sinngemäß beschrieben, dass wir mit verschiedenen Menschen nicht einfach dieselben bleiben, die wir ohne sie wären. Jeder Mensch, dem wir wirklich begegnen, kann eine Seite in uns zum Leuchten bringen, die sonst verborgen bliebe. Vielleicht ist genau das, was ich in meinen Portraits suche: die Seite an einem Menschen, die erst im echten Begegnen sichtbar wird — nicht, weil ich sie erschaffe, sondern weil ich sie erkenne. Vielleicht auch, weil ich selbst erkannt worden bin.

Kalós heißt schön. Im Griechischen war das nie nur eine Frage der Oberfläche: Kalokagathia nannte man es, wenn Schönheit und Güte zusammengehören — wenn das, was ein Mensch ist, mit dem übereinstimmt, was er zeigt. Daher der Name dieses Magazins: kalós — ein Leben, in dem das Gute schön wird.

Ich hätte einfach so über das gute Leben schreiben können. Aber die gelebte Erfahrung der Menschen ist es, die etwas sichtbar macht, das man nur erkennen kann, nicht behaupten. Und das Wichtigste zeigt sich nie zuerst im Tun. Es ist, wer jemand ist, lange bevor er handelt.

Das gute Leben ist kein Zustand, den man erreicht. Es ist eine Art, hinzusehen.

Ich höre gern zu. Ich beobachte gern — auch beruflich. In der Arbeit mit Kindern lernt man, jemanden wirklich kennenzulernen, bevor man über ihn urteilt. Dieser Blick hat sich durch mein ganzes Leben gezogen. Ich bin dadurch empfänglich geworden für das, was an einem Menschen stimmig und echt ist — sensibel für die Art, wie er etwas beiträgt, das alles ein Stück schöner macht. Nicht, um ein außergewöhnliches Leben zu führen. Nur, um ein gutes zu haben.

Schönheit ist nichts, das wir nur betrachten. Wenn sie echt ist, verändert sie uns. Vielleicht trägt alles wirklich Schöne etwas in sich, das nicht vergeht — eine Spur von Ewigkeit, mitten in einer Welt, die sich oft so flüchtig anfühlt.

Deshalb sind diese Portraits für mich auch eine Hommage. Nicht, weil die Menschen makellos wären — sondern weil sie mich bewegen und mir zeigen, wie viele Formen ein gutes Leben annehmen kann.

Der wahre Reichtum sind Menschen. Nicht Geld, nicht Besitz.

Diese Schätze sind oft verborgen, von einem Schleier der Oberfläche bedeckt gehalten — denn was darunter liegt, ist nicht für jeden bestimmt. Nicht jeder erkennt den Wert dessen, was er sieht.

— Auszug, Diary Session 2016, Nurten Yurbas

Ich sehe das, was ich hier tue, als eine Art von Kunst. Nicht, weil ich mich für eine Künstlerin halte — nun gut, ein bisschen schon, wie ich zugeben muss — sondern weil echte Kunst, so glaube ich, nie um den handelt, der sie schafft. Sie ist selbstlos. Sie gibt. Ein Portrait existiert nicht für die, die es schreibt, sondern für die, die es liest.

Vielleicht ist genau das meine Aufgabe: der Welt zu zeigen, wie schön die Menschen sind, die in ihr leben. Was daraus sichtbar wird, weil in ihnen etwas gewachsen ist — das möchte ich zeigen. Und das, was dadurch entsteht, kann die Welt beeinflussen — und tut es, im Kleinen, längst. Denn Worte erschaffen Welten. Kalós soll ein kuratiertes Geschenk sein — gebend, statt selbstbezogen. Gute Kunst lässt den, der sie macht, vergessen.

Am Ende geht es hier immer um dasselbe: um uns. Um die Frage, wie wir einander sehen — und ob wir bereit sind, wirklich hinzuschauen, bis wir einander erkennen. Nicht im Großen, sondern im Kleinen. Nicht im Lauten, sondern im Leisen zu suchen.

Nurten Yurbas

Gründerin und Herausgeberin, kalós